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Im Juni war der Münchner Musikjournalist Jonathan Fischer Gast bei der ersten Veranstaltung des Augsburger Filmclubs. Als Einführung in den Dokumentarfilm „When We Were Kings“ las er im Stadtkino einen Text über die religiöse Wandlung des Boxers George Foreman. Im Vorfeld dieser Veranstaltung hatte Clemens Draws die Gelegenheit, mit Jonathan Fischer ein ausführliches Interview zu führen.




 

„Ich will immer größere Zusammenhänge schaffen“
 

Ein Gespräch mit Jonathan Fischer

Von Clemens Draws
 



Wie kamst Du zum Musikjournalismus?

Ursprünglich habe ich an der Uni Sonderpädagogik studiert und hatte vor, Sonderschullehrer zu werden. Das ganze Studium über habe ich aber schon nebenher für „Prinz“, das damals neu gegründete Münchner Stadtmagazin, Musikrezensionen geschrieben. Ich fing schon in jungen Jahren an begeistert Platten zu sammeln und hatte einen gewissen missionarischen Ehrgeiz, der Welt von meinen Entdeckungen zu berichten.

Du bist 1990 nach Amerika geflogen und hast auf eigene Faust Interviews mit Deinen musikalischen Idolen geführt. War das bereits der Versuch, sich beruflich zu positionieren?

Eigentlich nicht, ich habe das in erster Linie als Fan gemacht. Es kursierten zu dieser Zeit Gerüchte, dass in New Orleans die Soulgrößen vergangener Tage noch regelmäßig auftreten würden. Es gab noch kein Internet, ich hatte auch keine konkreten Kontakte. Ich dachte nur: Wenn das ansatzweise stimmt, muss ich da unbedingt hin. Also bin ich kurzerhand nach New Orleans und von dort aus weiter nach Memphis gereist. Vor Ort habe ich mir dann aus dem Telefonbuch die Nummern von Musikern wie Rufus Thomas, Ann Peebles oder Al Green rausgesucht, sie angerufen und um ein Interview gebeten. Ich habe dabei ein bisschen hochgestapelt und erzählt, dass ich für irgendeine deutsche Zeitschrift unterwegs sei. Zu meiner eigenen Überraschung hat das funktioniert. Leute, die für mich Legenden waren, haben gesagt: O.K., komm morgen Nachmittag zu mir nach Hause! Das hat natürlich Raketenschub Stufe 2 ausgelöst. Mir war klar, dass ich diese Geschichten unbedingt erzählen muss. Nach der Reise habe ich bei der damaligen Musikzeitschrift „Network Press“ angefragt, ob sie interessiert seien. Dort wurden meine Erlebnisse in Amerika dann tatsächlich als dreiteiliger Bericht gedruckt.

Das waren die Anfänge, mittlerweile bist Du ein überaus gefragter Musikjournalist. Deine Texte erscheinen nicht nur in der „Süddeutschen Zeitung“, sondern auch in fast allen anderen wichtigen Zeitungen und Zeitschriften. Hat Dich auf diesem Weg jemand besonders gefördert?

Auf jeden Fall der SZ-Redakteur Karl Bruckmaier – er hat mich eigentlich zur „Süddeutschen Zeitung“ gebracht. Kurz nachdem ich in Amerika war, erschien in der SZ ein Artikel, der die These vertrat, der Jazz in New Orleans sei tot. Nun hatte ich zufällig ein paar Wochen zuvor genau das Gegenteil erlebt. Ich war so empört, dass ich Bruckmaier anrief und fragte, warum so etwas in einer renommierten Tageszeitung wie der SZ stehen kann. Daraufhin hat er mir angeboten eine Gegendarstellung zu schreiben. So kam mein erster SZ-Artikel zustande. Danach hieß es, ich könne gerne wieder etwas schreiben.

Die Arbeit als freier Journalist war am Anfang bestimmt nicht leicht.

Die war anfangs furchtbar schwierig und frustrierend. Deine Begeisterung wird ziemlich aufgebraucht bei den Versuchen, Zeitungen für Deine Themen zu begeistern. Du hörst von fast jedem Redakteur: Wen soll das denn interessieren? Das ist knallhart gewesen.

Du hast beim Label „Trikont“ fast ein Dutzend Compilations mit überwiegend schwarzer Musik herausgegeben. In einem der Booklettexte schreibst Du, auf diese Weise „musikhistorisch Verschüttetes“ bergen zu wollen. Ist das Deine Hauptmotivation bei dieser Arbeit?

Irgendwie schon. Ich habe ja endlose Tage in den Hinterräumen irgendwelcher Second-Hand-Läden Plattenkisten durchwühlt. Da entdeckt man eine Menge toller Stücke. Klar, man kann diese Lieder dann seiner Freundin vorspielen oder seinen 15 Bekannten. Aber irgendwann denkt man sich, das könnte vielleicht noch mehr Leute interessieren. Ich habe schon diesen Drang, Musik, die mir gefällt, anderen zugänglich machen zu wollen.

Die Begleittexte dieser CDs geben Dir ja auch die Möglichkeit, den Konztext schwarzer Musik näher zu beleuchten.

Genau, das ist mir auch ungemein wichtig. Ich will immer größere Zusammenhänge schaffen. Ohne den Background würde mir manche Musik sehr viel weniger bedeuten. Mein Ansatz als Musikjournalist ist, mehr zu vermitteln als „Ich finde diese Musik toll“.

Wie groß ist Deine Plattensammlung?

So an die 20 000 LPs und noch einmal so viele CDs. Die Plattensammlung ist in gewisser Weise meine Bibliothek. Zur Vorbereitung auf ein Interview ist es schon wichtig, die Platten des betreffenden Künstlers im Regal stehen zu haben. Ich habe aber aufgehört jede freie Minute in Second-Hand-Läden zu verbringen. Dafür fehlt mir mittlerweile die Zeit. Außerdem gibt es heutzutage viel mehr Möglichkeiten sich die Sachen zu besorgen. Früher musste man, um eine bestimmte Curtis-Mayfield-Platte von 1972 zu ergattern, jede Woche mindestens einmal zum Second-Hand-Laden flitzen um zu gucken, ob die zufällig reingekommen ist.

Du hast vor einigen Jahren begonnen an der Kunstakademie München Malerei zu studieren. Welchen Stellenwert hat das Malen für Dich?

Wenn ich als Maler so erfolgreich wäre wie als Journalist, würde ich den Journalismus sein lassen. Das mit dem Malen ist sehr viel persönlicher, viel weniger austauschbar. Aber leider kann ich mit der Malerei überhaupt noch kein Geld verdienen.

Wo ist die Wahrscheinlichkeit größer, mit dem Ergebnis zufrieden zu sein: beim Malen oder beim Schreiben?

Es ist natürlich ein schönes Gefühl, wenn man seinen eigenen Artikel gedruckt sieht. Aber dieses Gefühl ist nach ein paar Stunden wieder verschwunden. Ein gutes Bild dagegen bleibt. Für mich ist die Befriedigung beim Malen sehr viel größer.

Du bist Boxfan und gehst auch selber regelmäßig zum Boxtraining. Wo liegt für Dich die Faszination des Boxens?

Zwei Schwergewichte, die aufeinander einprügeln, interessieren mich nicht. Mich faszinieren die technisch guten Boxer wie Sugar Ray Robinson oder Muhammed Ali. Deren Bewegungen sind für mich ähnlich ästhetisch wie ein raffiniertes, wunderbar arrangiertes Soulstück. Um diese Ästhetik geht es mir auch beim Boxtraining. Mein Ziel ist es nicht, irgendwelche Wettkämpfe zu bestreiten. Ich möchte mir einfach diese Bewegungen aneignen.

Lernt man beim Boxen etwas fürs Leben?

Man lernt schon irgendwas fürs Leben. Man lernt einzustecken, ohne es persönlich zu nehmen. Man lernt mit Schmerz umzugehen. Man lernt seine Grenzen ausloten. Vielleicht kann man diese Erfahrungen aber auch woanders machen. Ich würde das nicht überhöhen.

Du schreibst auch regelmäßig über das Boxen. Erst kürzlich erschien in der SZ ein Artikel von Dir über die schwarze Boxlegende Jack Johnson. Was interessiert Dich als Journalist an der Thematik?

Ich habe irgendwann begriffen, dass Boxen eine ganz zentrale Rolle in der afroamerikanischen Kultur spielt – vom  Stellenwert her durchaus vergleichbar mit der Soul- oder Gospelmusik.

In dem Sinne, dass Boxen wichtig war für die Herausbildung eines schwarzen Selbstbewusstseins?

Das auch. Erst einmal ist Boxen aber schlicht und einfach einer der wenigen Wege aus dem Ghetto. Da man zum Boxen keine Tennisplätze oder Schwimmbäder braucht, ist das der klassische Sport der schwarzen Underdogs. Die Vorbilder in den Ghettos waren schon immer Entertainer oder Boxer. Die einen eiferten Jackie Wilson oder James Brown nach, die anderen Muhammed Ali oder Mike Tyson.

Du hast Dich auch mit dem Kampf zwischen Ali und Foreman in Kinshasa beschäftigt. Was hat diesen Fight so legendär gemacht?

Boxen funktioniert immer über klare Rollenaufteilungen und selten hat das so perfekt funktioniert wie bei diesem Kampf. George Foremans Philosophie in Kinshasa war es, den Gegner zu erschrecken und möglichst finster und bedrohlich zu wirken. Er benahm sich wie ein dummer, tapsiger, kraftmeiernder Bär. Und Ali hat das sehr instinktsicher ausgeschlachtet. Er ließ Foreman wie einen bösartigen Schläger aussehen und inszenierte sich selbst als strahlenden, weltgewandten und witzigen Underdog. Die Konstellation war wie gemalt: Gut gegen Böse, Licht gegen Schatten.

Zu allem Überfluss hatte Foreman damals immer einen Schäferhund dabei, was bei den Einheimischen böse Erinnerungen an die belgischen Kolonialherren weckte.

Er hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Foreman war damals ein bisschen stumpf in seiner Wahrnehmung. Das sieht er heute rückblickend genauso. Sein einziger Lebensinhalt war zu dieser Zeit, der stärkste Mann der Welt zu sein. Irgendjemandem nachzugeben hätte für ihn Schwäche bedeutet. Ihm war vollkommen egal, was die Außenwelt über ihn gedacht und gesagt hat.

Du hast Foreman vor einigen Jahren interviewt. Was für einen Eindruck hat er auf Dich gemacht?

Foreman ist eine sehr starke Persönlichkeit. Laut, launisch, von sich überzeugt, aber auch selbstironisch und witzig. Er hat mittlerweile keine Probleme damit, über sich selbst zu lachen. Und er ist ein ganz straighter Geschäftsmann. Mit den Jahren hat er sich zu einer amerikanischen Werbeikone gemausert, es gibt den Foreman-Kaffee, die Foreman-Fitnessbank und noch jede Menge andere Produkte. Die Manager geben sich die Klinke in die Hand um mit ihm ins Geschäft zu kommen.

Wie gefällt Dir der Film „When We Were Kings“, der den Kampf zwischen Ali und Foreman dokumentiert?

Ich mag diesen Film sehr. Er fängt ganz hervorragend die Atmosphäre dieses Kampfes ein. Er zeigt, welche Euphorie so ein Boxkampf durch alle Gesellschaftsschichten hindurch freisetzt. Kein anderes Sportereignis könnte eine solche Massenbegeisterung auslösen.

Auch kein Fußballspiel?

Nein. Boxen hat etwas einzigartig Archaisches. Ein Mann gegen den anderen. Da kann der Fußball nicht mithalten. Die Symbolkraft des Boxens ist viel stärker.





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