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Dr. Michael Farin, geboren 1953, gründete vor über 20 Jahren den belleville-Verlag – mittlerweile einer der profiliertesten deutschen Kleinverlage. Auch als Herausgeber, Essayist, Hörspiel- und Drehbuchautor, Übersetzer und Ausstellungsmacher ist Farin sehr erfolgreich. Über die Jahre hat er sich immer wieder publizistisch mit dem Phänomen Serienmord auseinander gesetzt. Unter anderem gab er 1996 ein Buch über den Frauenmörder Ed Gein heraus („Ed Gein. A Quiet Man“). Ed Gein stand Pate für eine ganze Reihe Filmfiguren, so auch für den Norman Bates in Hitchcocks „Psycho“. Und auch über Fritz Haarmann, den „Werwolf von Hannover“, hat Michael Farin geforscht („Die Haarmann-Protokolle“). Der Fall Haarmann wurde Mitte der 90er-Jahre durch den preisgekrönten Film „Der Totmacher“ wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Zu diesem Film schrieb Farin zusammen mit dem Regisseur Romuald Karmakar das Drehbuch.

Am Samstag, den 26. November war Michael Farin Gast des Filmclubs Augsburg. Er präsentierte an diesem Abend das von ihm verfasste Hörspiel „H wie Hitchcock“ und gab eine Einführung in den Film „Psycho“.




 

„Wo ist der Dämon?“
 

Ein Gespräch mit dem Verleger und Publizisten Michael Farin

Von Clemens Draws
 



Sie haben sich sehr intensiv mit der Psyche von Mördern beschäftigt. Warum? Was interessiert Sie daran?

Ich versuche Systeme zu verstehen. Der einzelne Mordfall interessiert mich nicht so sehr. Was mich interessiert, ist das Prinzip, das hinter einem Verbrechen steht. Will einer aus der Situation, in der er ist, entkommen? Will er sich betäuben? Oder will er etwas ganz anderes?

Können Sie das konkretisieren?

Nehmen wir Jakob Apfelböck, über den in meinem Verlag gerade ein Buch erschienen ist. Der bringt als 16-Jähriger seine Eltern um. Dann legt er die Leichen in das Schlafzimmer und lässt sie über Wochen verfaulen. Er selber bleibt in der Wohnung und wartet. Das Einzige, was er in dieser Zeit macht: Er baut in einem der Zimmer einen Sarg für zwei Personen, der viel zu groß ist, um ihn aus der Wohnung schaffen zu können – eine an sich völlig sinnlose Handlung. Irgendwann kommt die Polizei, nimmt ihn fest und er wird gefragt: „Warum hast du denn diesen Sarg gebaut?“ Darauf weiß er keine Antwort. Sich mit so etwas zu befassen finde ich spannend.

Weil es Ihnen darum geht, das Böse irgendwie zu begreifen?

„Böse“ ist eine moralische Kategorie. Natürlich sind das ganz schlimme Taten, die zu verurteilen sind und gegen die man vorgehen muss. Aber um das Ganze zu verstehen, muss man die moralische Bewertung einmal beiseite schieben. Und wenn man das tut, dann sieht man, dass solche Handlungen im Grunde Zwangshandlungen sind. Vergleichbar mit einem, der sich dauernd die Hände wäscht oder dauernd duscht. Diese Leute sind auf einem Gleis, von dem sie nicht mehr runterkommen.

Man sollte sie also nicht verteufeln.

Ja, das führt zu nichts. Ich glaube sogar, dass diese monströsen Taten einem ähnlichen Muster folgen wie ganz normale Alltagshandlungen. Ein Raucher raucht, weil er süchtig ist, und bestimmte Mörder morden, weil das ihre Sucht ist. Die Auswirkungen sind verschieden, aber das Prinzip ist vergleichbar.

Würden Sie sagen, dass im Endeffekt jeder Mensch zwangsgesteuert ist – von harmlos bis monströs?

Ja, da bin ich mir sicher. Ganz bestimmt.

Weil jeder in irgendeiner Form gefangen ist …

… dieses Wort halte ich für ganz entscheidend – gefangen. Ich glaube in der Tat, dass niemand so richtig frei ist. Das muss nicht immer schlecht sein. Gefangensein kann ja auch bedeuten: Man ist aufgehoben, man bewahrt sich vor Zerstörendem. Wenn ich ein Buch nennen sollte, das mir das allerwichtigste ist, würde ich „Der Illusionismus und Die Rettung der Persönlichkeit“ von Oskar Panizza wählen. In diesem Buch geht es an einer Stelle darum, ob man mit seinem Dämon d’accord ist. Wenn dem so ist, schreibt Panizza, ist die Welt für einen in Ordnung. Daran habe ich mich immer orientiert. Für mich gibt es zwei entscheidende Fragen. Erstens: Wo ist der Dämon? Zweitens: Wie kann ich mich mit ihm vereinbaren?

Inwieweit hat Sie die Auseinandersetzung mit menschlichen Abgründen verändert? Verdüstert das die Sicht auf die Welt?

Am Anfang gab es eine Phase der Faszination und des Erstaunens darüber, was alles möglich ist auf der Welt. Im Sinne von: „Wahnsinn, das gibt es doch gar nicht!“ Aber irgendwann hat man sich an diese Sachen gewöhnt. Dann ist man gefeit vor den ganz extremen Formen der Identifikation und des Mitgenommenwerdens. Dann beginnt die Phase des Sammelns. So wie jemand Briefmarken in sein Album steckt, so steckt man dann die Mordfälle in sein „Album“. Und fängt an, sie miteinander zu vergleichen.

Könnte man Sie als passionierten Sammler bezeichnen?

Auf jeden Fall. Ich sammle beispielsweise alle Texte über den Schriftsteller Sacher-Masoch, die es auf der Welt gibt. Wenn ich mitbekomme, dass 1872 in der „Agramer Zeitung“ ein Text über ihn stand, dann muss ich diesen Text haben, selbst wenn er nur zehn Zeilen lang und eigentlich völlig belanglos ist. Ich bin einer, der gerne auf die Pirsch geht und irgendwas erlegt, selbst wenn er es nicht unbedingt gleich braucht.

Herr Farin, vielen Dank für das Gespräch!

[Erstmals veröffentlicht in: a-guide, Ausgabe Herbst/Winter 2005]





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